Die Sendung bei Radio Stadtfilter Zürich:

https://soundcloud.com/stadtfilter-sendungen/body-language-schmuck

 

Vorstellung: Dolores Bertschinger, Fragen zu dir und deiner Beziehung zum Thema „Schmuck“

·         DZB; RW in München, beschäftige mich gerne mit Visualität, Bildern, Kunst, Körper, und Kleidern -> nicht von ungefähr: ich habe als Kind und Jugendliche die Waldorfschule besucht und im Anschluss an die Schule ein eigenes Kleiderlabel gegründet, „LiBelle“.

·         Damit hatte ich 2 Geschäfte, eines im Zürcher Niederdorf und eines in Zürich Wiedikon; ich habe Kleider, v.a. Röcke und Pullis genäht, daneben aber auch Foulards, Ohrringe und Anstecker kreiert. das ist also ein ganz konkreter Bezug zum Schmuck und Schmuckmachen

·         Was vielleicht auch noch speziell ist: ich trage sehr oft 2 verschiedene Ohrringe und habe insgesamt eine Ohrringsammlung von gegen 100 Stück
Gerade trage ich zwei kleine Bücher am Ohr, die man hier in Winterthur in einem Bücherladen erwerben kann – auf dieses extravaganten kleinen Ohrringe wurde ich schon oft angesprochen

 

Vorstellung Regula Wyss, deine Beziehung zu ihr und ihre Arbeit

Primarlehrerin (Lehrerinnenseminar Thun)
Werklehrerin (Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, wie die ZHDK damals noch hiess) -> dort, im damals sogenannten „Werksemi“, also in der Klasse zur Ausbildung von WerklehrerInnen, haben sich Regula Wyss und meine Mutter Ruth Salomé Meyer kennengelernt,

Sie wurde mir zu einer Art „Wahlgotte“/Patin; sie ist viel gereist und von überall hat sie mir Postkarten geschrieben; sie hat Ausflüge mit mir und meiner Schwester unternommen, am besten erinnern kann ich mich an eine Velotour in den Bruno Weber-Park, wo wir mit Stift und Block herumgelaufen sind und gezeichnet haben; da war ich wohl so 10/11 Jahre alt; als ich angefangen habe, mehr zu reisen, habe ich ihr von überall her Karten geschrieben und so ist unser Kontakt nie abgebrochen; wieder verstärkt hat er sich aber, als ich sie zu Veranstaltungen und festen ins Frauen*Zentrum Zürich eingeladen habe – jetzt ist der die Frauenbewegung und der Feminismus ein neues Kapitel in dieser Beziehung
 
Seit 1998 ist Regula Wyss „Schmuckgestalterin“, wie sie selber sagt
-> Sie schneidet mit Teppichscheren aus recycelten Veloschläuchen Colliers, Fingerringe, Armschmuck, Dekorationen, Raumteiler und Installationen -> zu Material und Technik sage ich gleich noch etwas mehr…

Auf jeden Fall ist RW mit ihren Recyclingkunstwerken international erfolgreich:

·         zahlreiche kuratierte Ausstellungen,

·         Galerien in Rom, Hamburg und Zürich

·         Ankäufe durch das Museum Bellerive und das Landesmuseum

·         zu erwerben in Zürich bei „friends of Carlotta“ am Neumarkt

 

Ring (gibt es eine Geschichte dazu oder möchtest du das Schmuck-Stück im Detail beschreiben?)

Der Ring war ein Geschenk zu meinem 30. Geburtstag
Wenn ich ihn trage, dann sieht er ein bisschen aus, als sässe ein Stachelschwein auf meiner Hand: Vom eigentlichen Ring bzw. rund um meinen Finger weg gehen nämlich 5-7cm lange Haare oder Stacheln, die dann auf meinem Handrücken liegen. Ich denke, jedeR, die/der schon einmal einen Scherenschnitt gemacht hat, kennt diesen Effekt: man schneidet viele kleine Schnitte in den Papierrand, und wenn man das Papier auseinanderfaltet, dann entsteht draus ein federhafter Saum. Genauso ein Federobjekt in Schwarz habe ich gerade auf meiner Hand.

So ist also dieser Ring im Ruhezustand. ABER: wenn ich die Hand bewege, dann verändert er sich plötzlich. Dann kommt Leben in den Ring: die Plastikstreifen hüpfen, tanzen, bewegen sich je nach Geste. Und das hat nicht nur einen Effekt auf mein gegenüber – das dann ständig auf den Ring schaut – sondern auch auf mich. Dieser Schmuck ist nämlich richtig spürbar, er ist präsent, er lebt mit mir. Ich würde also sagen, der Ring ist mehr als ein blosses Accessoire, das ich am Morgen anziehe und dann den Rest des Tages vergesse. Sondern, wenn ich diesen Ring trage, dann bin ich mir stets bewusst, dass mein Aussehen, meine Wirkung auf Menschen sich verändert. Und weil das Objekt auf meiner Hand so beweglich und tanzend ist, reagieren alle Menschen eigentlich sehr positiv, neugierig und erfreut.
Das Ding sorgt also für gute Stimmung auf beiden Seiten J

 

Als ich sie kürzlich zu einem Gespräch getroffen habe, hat RW erzählt, wie sie zur Idee dieses Ringes gekommen ist.

 

Sechs Thesen, warum der Schmuck von Regula Wyss einzigartig ist

Der Veloschlauch:

Die meisten von uns befassen sich das erste Mal mit einem veloschlauch, wenn er kaputt ist. Wir alle kennen diese Situation: Wir wollen am Morgen aufs Fahrrad steigen und merken, dass wir einen Platten haben – Mist!

Oder aber wir sind mitten am Fahren, über ein paar Glasscherben drüber und zack! schon ist es passiert – die Luft ist raus!

Ärger, Stress und lautes Fluchen begleiten also unsere erste bewusste Begegnung mit einem Veloschlauch, also einem kaputten Veloschlauch.

Was wir in solchen Situationen verfluchen – nämlich das Loch im Pneu – ist sozusagen das Prinzip von RWs Schmuck. Je mehr Löcher, je mehr Durchlässigkeit im Gummi, desto besser. Und erstaunlicherweise kommt dann doch wieder Luft in den Gummischlauch – einfach anders, als erwartet.

Der Gummi:

RW verarbeitet ausschliesslich gebrauchte Veloschläuche. Das hat natürlich mit Recycling zu tun, aber auch mit dem Material selber: abgefahrene Schläuche lassen sich besser verarbeiten als neue, weil sie weicher und elastischer sind. Gummi verändert sich noch dazu mit der Temperatur: je wärmer das Wetter und die Haut, auf der der Gummi getragen wird, desto geschmeidiger und anschmiegsamer ist das Schmuckstück.
Dank RWs Recycling kommt der Gummi an Orte, an denen man ihn wirklich nicht vermuten würde: als Kette um den Hals, als Ring um den Finger, als Installation an die Wand oder als Raumteiler in den Türrahmen. Und so wandert der Wertstoff Gummi nicht nur in unserem Müllkreislauf, sondern auch in einem ökonomischen Kreislauf an unverhoffte Orte: Das Recycling bei RW ist tatsächlich eine Veredelung: Aus vermeintlichem Müll werden durch Schneiden, Flechten und Stülpen Objekte von bis zu 500.- Wert!

Die Farbe:

Der Veloschlauch ist schwarz. Daran lässt sich nicht ändern. Womit RW also spielen kann, ist die Form des Materials und der Kontrast. Der schwarze Gummi hebt sich auf beinahe allen Materialien ab, besonders natürlich auf Kleidung und Stoffen aller Art. Was durch Ausschneiden, Umstülpen, Verknoten, Einflechten und Durchlöchern also entsteht, sind immer Kontrastbilder in Schwarz. Dabei arbeitete RW stark mit Rhythmen und Wiederholungen: Die Einschnitte erfolgen immer in bestimmten Abständen, Spitzen stechen nie per Zufall aus einem Geflecht heraus. Stets ergibt sich für das Auge ein harmonisches Objekt, das mit Wiederholung und Veränderung spielt. Je nach Form ergeben sich so organische Geflechte oder minimalistisch ZEN-artig anmutende Abstrakta.

Die Röhre:

Der Veloschlauch und viele Pflanzen haben das Röhrenprinzip gemeinsam. Wir alle kennen die Schachtelhalme, die wir als Kinder beim Spaziergang im Wald geknickt und dann Stück für Stück, Röhre für Röhre demontiert haben. Diese Verwandtschaft von Veloschlauch und Pflanzenwelt ist ein wichtiges Prinzip in RWs Werk.

·         Collier schmiegen sich wie Moos dem Hals und Nacken entlang

·         Blumige Ornamente liegen auf Schulter und Dekolleté auf

·         Als riesige Geflechte wachsen die Plastikteppiche über Tür und Wand

·         Und als schlichte Lianen schlingen sie sich um alle möglichen Gegenstände im Atelier oder in der Kunstgalerie.

Natürlich wird mit jedem Schnitt das Röhrenprinzip des Schlauches mehr und mehr entfremdet. Aber wenn es uns gelingen würde, jeden Einschnitt wieder an seinen Ursprung zurückzubringen, dann würde sich auch eine Meterlange Liane wieder zu einem Plastikrohr verkürzen.

Der Kreis:

Ein weiteres Prinzip neben der Röhre ist der Kreis. Jeder veloschlauch ist rund. Aus dem Unendlichen des Kreises schneidet RW also ihre Zacken, Rundungen und Löcher. Aber: egal wie viel Zwischenraum sie in den Gummi einlässt, dem Ewigen des Kreisprinzips entkommt sie doch nie ganz.

Spätestens, wenn eine Kette oder eine Liane um den Hals, eine Stange oder ein Objekt geschlungen wird, kommt der Kreis wieder zum Vorschein.

 

Die Dialektik:

RW Veloschlauchschmuck ist für mich ein Spiel mit dem Zwischenraum und dem Dickicht. Aus dem dicken Gummi schneidet sie ein lichtes, luftiges Gebilde. Sie hält sich weder an Innen noch Aussen, sondern Stülpt, dreht und wendet den Gummi, bis sie den Dreh raus hat und das störrische Material sich in seine neue Form begibt. Kaum ist der Gummi fein ziseliert, verdichtet und verknotet sie ihn auch schon wieder. In rhythmischen Abständen flicht sie neues Material ein, quetscht sie Gummi durch Löcher und bündelt sie Streifen zu Quasten. So entstehen organische Schmuckobjekte, die an einen Dschungel mahnen. Da erwachsen also Pflanzen, wie wir sie noch nie gesehen haben. Aus dem alltäglichen Veloschlauch wird beinahe etwas Exotisches.

Aber ganz natürlich wird der Veloschlauch trotzdem nie. Immer ist da das Wissen um das Künstliche, den Kunststoff, den Gummi. Insofern zeugen RWs Schmuckobjekte auch von einer unvollendeten Metamorphose, von einer nie zu erfüllenden Sehnsucht der Kunst, der Natur ähnlich zu werden. RWs Schmuck ist eindeutig schwarz und eindeutig aus Gummi. Dank RWs Schnittkunst ist er aber auch immer etwas dazwischen. RW kreiert ästhetische Objekte zwischen Dickicht und Durchblick, zwischen verknoteter Enge und offenem Raum, zwischen der Unendlichkeit der runden Form und der Begrenzung durch den Kreis.

 

ART AUREA

DINGE DER KULTUR
Ausgabe 26 / Sommer 2016
Thema:
Licht und Farbe / Light and Color
Seite 113, Bild Nr. 6: Halsschmuck „Lorbeer“

 

Werkspuren

Fachzeitschrift für Vermittlung von Design und Technik
2 / 2016 Nr. 142
Thema:
SCHMUCK
TRAGBARE KUNSTWERKE
Seite 14 – 17, „Der Wert des Wertlosen“
Künstlerin Regula Wyss arbeitet mit Veloschläuchen
Text: Gabriela Rüsch

 

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Regula Wyss ist die Künstlerin, die hinter diesem ambitionierten Recyclinggedanken steckt. Sie schneidet, inspiriert, knotet und zwirbelt. Ihre Colliers sind europaweit bekannt und finden Freunde in der Modebranche und unter Fahrradfans. Wir freuen uns, wenn Ihnen diese Arbeiten gefallen und Sie Regula Wyss kontaktieren.

In den Seiten „über mich“ und „Machart“ berichtet Regula Wyss aus ihrer Sicht über ihre Kunst.